EXPONATE

Laufmaschine von Karl Drais (Nachbau des Originals von 1817)


Plakat zur Ausstellung "Ganz schön Drais!"am Karlsruher Hauptfriedhof 2005


Laufrad und Michauline von 1865 (Pierre und Ernest Michaux aus Bar-le-Duc)


Michauline, Bantam- oder Crypto-Rad sowie Hochrad von 1886


Drais-Denkmal am Eingang des Stadtteils Rheinau (Wikipedia)
Nachbauten der Laufmaschinen von Karl Drais (1817) und Anton Burg (1818)

Was sagen dazu die Experten?

Dass 50 Jahre zwischen der Erfindung des Laufrads und dessen Mutation zum Fahrrad lagen, liegt an der Balancierangst der Bevölkerung. Denn Vierräder hatte es schon dazwischen gegeben. Am erfolgreichsten war der Engländer Williard Sawyer, dessen Firma mindestens seit 1851 bestand, und der seine Vierräder sogar an das englische Königshaus verkaufen konnte. Sein Vélocipède wurde mittels Trethebeln, an denen Lederschlaufen für die Füße befestigt waren, über eine Kurbelwelle angetrieben.

Bis heute nicht einwandfrei geklärt ist, wer als erster Pedale an ein Zweirad montierte. Immer wieder geistern Namen und Jahreszahlen durch die Fahrradgeschichte, oft von übereifrigen Patrioten genannt, um ihre Heimat als Geburtsland des Fahrrads hervorzuheben. Jahrelang galt Kirkpatrick Macmillan, ein schottischer Schmied, als erster, der mittels Schwinghebeln ein Zweirad antrieb. Dieses Velocipede wurde nach Angaben eines Zeitgenossen Macmillans im Jahr 1869 nachgebaut und ist heute noch erhalten. Sehr ähnlich ist Galvin Dalzells Zweirad, angeblich aus 1847, auch hierfür fehlt jeder Beweis. (Dalzell wäre übrigens zum Zeitpunkt seiner Erfindung 10 Jahre alt gewesen, würden die Angaben stimmen!) Die Franzosen führen Alexandre Lefebvre ins Rennen, der bei seiner Emigration nach Amerika ein Fahrrad mit sich führte, das angeblich schon 1843 entstand, und in deutschen Geschichtsbüchern scheint heute noch Philip Moritz Fischer auf, dessen auf 1853 datiertes Velocipede nachweislich erst 1869 entstand.

Wer war jetzt aber wirklich der Inventor des Pedalantriebs? Gemeinhin gelten Vater und Sohn Michaux als die Erfinder. Eine Geschichte erzählt, dass Pierre Michaux, ein Pariser Schmied, auf Anraten seines Sohnes Ernest an ein zu reparierendes Laufrad Kurbeln und Pedale montierte. Dem hat Pierre Lallement schon immer widersprochen. Lallement war Angestellter eines Kinderwagenherstellers und hatte zu seinem Privatvergnügen 1863 ein Zweirad gebaut, das er, so wie Lefebvre, bei seiner Emigration mit in die USA brachte. Dort ließ er es 1866 patentieren, das erste Patent für ein pedalgetriebenes Fahrrad. Als Pierre Lallement 1868 nach Paris zurückkehrte, musste er allerdings mit ansehen, dass Radfahren schon fast zu einem Volkssport geworden war. Pierre Michaux hatte bei der Weltausstellung 1867 zwei Exemplare seines Velocipedes vorgeführt und weltweite Aufmerksamkeit gefunden. Michaux tat sich mit den Brüdern Olivier zusammen, und so konnte die Firma Michaux & Co. 1868 am Tag bereits 12 Einheiten herstellen! Aber auch ihm war langfristig kein Erfolg beschieden, die Brüder Olivier drängten ihn ein Jahr später aus seiner eigenen Firma, die in la Compagnie Parisienne de Velocipedes umbenannt wurde und immer weiter expandierte. Michaux versuchte einen Neueinstieg unter eigenem Namen, wurde von den Olivier`s aber verklagt und ging Bankrott. (Radmuseum Altmünster am Traunsee)

Anton Burg und Sohn

Anton Burg in der freien Enzyklopädie WIKIPEDIA

Wien-Wieden um 1830
Haus und Werkstatt Anton Burg und Sohn

Der Kunde ist König

Anton Burg jun. findet die Anerkennung seiner Mitbürger bei den Wahlen zum Bezirksausschuss in Wieden

Das Vélocipède 1869

Das liebste Spielzeug der Franzosen

Vom Pferd aufs Rad!

Modernisierung der Kavallerie

Mehr Informationen

Am Anfang stand ein Vulkanausbruch

Im April 1815 brach auf Sumbawa, einer der Kleinen Sunda-Inseln, der Vulkan Tambora aus und schleuderte ca. 160 Milliarden Kubikmeter Staub in die Luft. Die Staubteilchen wurden durch Luftströmungen um die ganze Erde verteilt und verursachten sogar noch in Europa Missernten und Hungersnöte. Der folgende Sommer, im Volksmund „Schneesommer“ genannt, war der kälteste seit Beginn der Wetteraufzeichnungen. Zahlreiche europäische Staaten erlebten Ernteausfälle, Hungersnöte und Wirtschaftskrisen, die viele Menschen zur Emigration veranlassten. In Frankreich und England kam es zu Aufständen, in der Schweiz musste sogar der Notstand ausgerufen werden. Wegen der Ernteausfälle kam es zu einem großen Pferdesterben in Europa und zu einem starken Anstieg der Haferpreise.

Insofern war Karl Drais mit dem griechischen Gott KAIROS, dem Gott des rechten Augenblicks und der günstigen Gelegenheit, im Bunde.

Bücher zum Thema

In einer Geschichtsschreibung der "Haupt- und Staatsaktionen" ist das Jahr 1816 kein Epochenjahr. Betrachtet man aber die Ereignisse und Prozesse, die auf die Alltags- und Kulturgeschichte einen nachhaltigen Einfluss ausübten, verdient das Jahr 1816 die Aufmerksamkeit auch der Heutigen:

  • das Ende der napoleonischen Zeit, die unserer Region auf der linken Rheinseite den Wechsel vom Kaiserreich Frankreich zum Großherzogtum Hessen und die Gründung der Provinz Rheinhessen brachte, 
  • der Umstieg vom Pferd auf die Draisine, mit dem Erfinder wie Karl Drais und Handwerker wie Anton Burg der "Automobilität" eines größeren Publikums einen Schub versetzten, 
  • die umfassenden Anstrengungen, nach dem "Jahr ohne Sommer" die Landwirtschaft maschinell zu entwickeln sowie die Erkenntnisse von Wissenschaft und Technik mittels Märkten und Messen (z. B. Münchner Oktoberfest und Cannstatter Wasen) jedermann und aller Welt sichtbar zu machen, um dauerhaft die Versorgung der Bevölkerung zu sichern,
  • die Sicherung von Handel und Wandel, z. B. durch die Begradigung des Rheins, mit dem der Wasserbau-Ingenieur Johann Gottfried Tulla (1770-1828) den Rhein zwischen Basel und Worms von 345 auf 273 Kilometer verkürzte, die Sicherheit vor Überschwemmungen und Krankheiten vergrößerte, der Landwirtschaft fruchtbares Land in den Flussniederungen zur Verfügung stellte und neue Siedlungsgebiete schuf. 

 

 


Laufmaschine aus dem Fahrradmuseum bei Ranga Yogeshwar

Eine Mail ging am Nachmittag des 1. Dezember 2008 von der WDR-Requisite beim Rheinhessischen Fahrradmuseum ein und wurde an Albert Weis und den Museumsleiter Prof. Dr. Rösch weitergeleitet. Schnell wurden Informationen ausgetauscht und Absprachen getroffen. Der WDR holte die Laufmaschine im Museum ab, baute sie als Requisit in die Sendung "Vulkane – faszinierend und bedrohlich" in der technisch-naturwissenschaftlich ambitionierten Reihe "Quarks & Co" ein und brachte das Gerät auch wieder ins Museum zurück.

Unter der Überschrift "Das Jahr ohne Sommer. Wie ein Vulkanausbruch das Weltklima beeinflusste" erläuterte Moderator Ranga Yogeshwar den Zusammenhang zwischen dem Vulkanausbruch 1815 in fernen Indonesien, einer dadurch verursachten weitweiten Klimakatastrophe und der Präsentation einer Laufmaschine durch den badischen Forstmeister Karl von Drais im Jahre 1817. 

Karl Drais (1785-1851)

Vom Mannheimer Schloss bis zur Relais-Station im heutigen Rheinau, Bibliothèque nationale de France, département Cartes et plans, GE D-16187

Karl von Drais legte mit seiner Laufmaschine am 12. Juni 1817 die Strecke von „Mannheim bis an das Schwetzinger Relaishaus und wieder zurück, also 4 Poststunden Wegs in einer Stunde Zeit“ (ca. 15 km/h) zurück. Sechs Wochen später, am 28. Juli 1817, bewältigte Drais „den steilen, zwey Stunden betragenden Gebirgsweg von Gernsbach hieher (nach Baden-Baden) in ungefähr einer Stunde“ (ca. 6 km/h).

Die Verbindung zwischen den Residenzen Mannheim und Schwetzingen war ab 1740 als Chaussee ausgebaut worden. Sie wurde verbreitert und mit einer Kies- und Schotterschicht versehen. Für die kurpfälzischen Briefpostreiter, die abends um 7 Uhr von Mannheim abgingen und morgens um 7 Uhr aus Richtung Basel und Straßburg dort ankamen, und den Pfälzische Fahrpost hatte damit eine neue Zeit begonnen. Das im heutigen Rheinau gelegene Relaishaus, an dem man die müden Postkutschenpferde gegen frische tauschen konnte, wurde 1750 errichtet.  

⇒ detaillierte Beschreibung der Mannheimer "Drais-Route"

 

Anton Burg (1767-1849)

1753
Stadtwappen

Kartenausschnitt von 1753: ... als Sobernheim - jedenfalls auf der Karte des Geographen Robert de Vaugondy - noch kurmainzisch war!

 

Bis heute verweist im Wappen der Stadt Bad Sobernheim das Mainzer Rad auf die ehemalige Zugehörigkeit zu Kurmainz, der Pfälzer Löwe auf die zur Kurpfalz. Das Wellenband symbolisiert die Nahe. Die Mauerkrone erinnert an die Stadtrechte.


Promotion der Draisine in Wien

In Rheinhessen sagt man's so: 'n fingerlang gehannelt is besser als wie 'n armlang geschafft!

Die Entwicklungsgeschichte des Fahrrades und des Radfahrens macht immer mal wieder deutlich, dass entscheidende Impulse von Menschen kommen, die vorzügliche Handwerker sind, zugleich aber auch über kaufmännische Fähigkeiten verfügen.

Der aus Sobernheim an der Nahe stammende Anton Burg war eine solche Unternehmer-Persönlichkeit. Für war "Handwerk" zugleich auch "Kunst".  Die Weiterentwicklung und Verbreitung der Draisine hat von dem "Maschinen- und Ackerbau-Werkzeugmacher" Anton Burg, der ab 1822 als "Anton Burg & Sohn" firmierte, im aufstrebenden Wiener Stadtteil Wieden wertvolle Anstöße erfahren. Seine "Laufübungen auf der Draisine" lockten so viele mutige Fahrer und ein schaulustiges Publikum an, dass er 20 Kreuzer Eintrittsgeld erheben und den Erlös für wohltätige Zwecke spenden konnte.

 

mehr ... "Anton Burg" bei Wikipedia (nd)


Der nächste Schritt: Das Vélocipède

Der Weg von der Laufmaschine des badischen Freiherrn von Drais zum alltagstauglichen Fahrrad für jede Frau und Jedermann ist ein wichtiger Abschnitt der Technikgeschichte im 19. und frühen 20. Jahrhundert.  Normalerweise gilt: "Natura non saltat!" (Die Natur macht keine Sprünge); nicht so die von kreativen Menschen vorangetriebene Entwicklungsgeschichte des Fahrrades:

  • 1817 Laufmaschine "Loda" (aus "locomotion" und "dada") des Karl Drais
  • 1818 Laufmaschine und Laufübungen von Anton Burg
  • 1865 Tretkurbelrad "Vélocipède" von Pierre und Ernest Michaux
  • 1870 Hochrad "Ariel" des James Starley  
  • 1884 Niederrad "Rover II" des John Kemp Starley

Vor allem dem "Sprung" von 1817 bis 1865 ging ein langer Anlauf voraus.

Ein Kinderrad für den Kaisersohn

Der Sprössling von Napoleon III. auf einer Michauline

Auch Pierre und Ernest Michaux aus dem lothringischen Bar le Duc kommen aus dem Handwerk. Ihre professionelle Herkunft als Wagner bzw. Stellmacher, die Fahrzeuge für die Personen- und Güterbeförderung bauten, ist ihrem Vélocipède anzusehen. Die Entwicklungslinie vom Fahrrad zum Auto spiegelt sich wider in der Ablösung des "Wagner" durch den Karosserie- und Fahrzeugbauer.

Die karikierende Darstellung der kaiserlichen Familie aus den frühen 70er Jahren des 19. Jahrhundert zeigt unter dem Titel "La Ménagerie imperiale" Kaiser Napoleon III. als Geier (le vautour), Kaiserin Eugénie als Kranich (la grue) und deren Sohn als Zeisig (le serin) und gefiederten Vélocipèdisten. Sie liefert damit einen Beleg für den Erfolg der Michaulinen durch die Präsentation auf der Pariser Weltausstellung 1867 und der Errichtung einer Werkstatt für Vélocipèdes durch Pierre und Ernest Michaux, nachdem "tout Paris" unbedingt aufs Rad wollte.