Am Anfang stand ein Vulkanausbruch

Im April 1815 brach auf Sumbawa, einer der Kleinen Sunda-Inseln, der Vulkan Tambora aus und schleuderte ca. 160 Milliarden Kubikmeter Staub in die Luft. Die Staubteilchen wurden durch Luftströmungen um die ganze Erde verteilt und verursachten sogar noch in Europa Missernten und Hungersnöte. Der folgende Sommer, im Volksmund „Schneesommer“ genannt, war der kälteste seit Beginn der Wetteraufzeichnungen. Zahlreiche europäische Staaten erlebten Ernteausfälle, Hungersnöte und Wirtschaftskrisen, die viele Menschen zur Emigration veranlassten. In Frankreich und England kam es zu Aufständen, in der Schweiz musste sogar der Notstand ausgerufen werden. Wegen der Ernteausfälle kam es zu einem großen Pferdesterben in Europa und zu einem starken Anstieg der Haferpreise.

Insofern war Karl Drais mit dem griechischen Gott KAIROS, dem Gott des rechten Augenblicks und der günstigen Gelegenheit, im Bunde.

Bücher zum Thema

In einer Geschichtsschreibung der "Haupt- und Staatsaktionen" ist das Jahr 1816 kein Epochenjahr. Betrachtet man aber die Ereignisse und Prozesse, die auf die Alltags- und Kulturgeschichte einen nachhaltigen Einfluss ausübten, verdient das Jahr 1816 die Aufmerksamkeit auch der Heutigen:

  • das Ende der napoleonischen Zeit, die unserer Region auf der linken Rheinseite den Wechsel vom Kaiserreich Frankreich zum Großherzogtum Hessen und die Gründung der Provinz Rheinhessen brachte, 
  • der Umstieg vom Pferd auf die Draisine, mit dem Erfinder wie Karl Drais und Handwerker wie Anton Burg der "Automobilität" eines größeren Publikums einen Schub versetzten, 
  • die umfassenden Anstrengungen, nach dem "Jahr ohne Sommer" die Landwirtschaft maschinell zu entwickeln sowie die Erkenntnisse von Wissenschaft und Technik mittels Märkten und Messen (z. B. Münchner Oktoberfest und Cannstatter Wasen) jedermann und aller Welt sichtbar zu machen, um dauerhaft die Versorgung der Bevölkerung zu sichern,
  • die Sicherung von Handel und Wandel, z. B. durch die Begradigung des Rheins, mit dem der Wasserbau-Ingenieur Johann Gottfried Tulla (1770-1828) den Rhein zwischen Basel und Worms von 345 auf 273 Kilometer verkürzte, die Sicherheit vor Überschwemmungen und Krankheiten vergrößerte, der Landwirtschaft fruchtbares Land in den Flussniederungen zur Verfügung stellte und neue Siedlungsgebiete schuf. 

 

 


Laufmaschine aus dem Fahrradmuseum bei Ranga Yogeshwar

Eine Mail ging am Nachmittag des 1. Dezember 2008 von der WDR-Requisite beim Rheinhessischen Fahrradmuseum ein und wurde an Albert Weis und den Museumsleiter Prof. Dr. Rösch weitergeleitet. Schnell wurden Informationen ausgetauscht und Absprachen getroffen. Der WDR holte die Laufmaschine im Museum ab, baute sie als Requisit in die Sendung "Vulkane – faszinierend und bedrohlich" in der technisch-naturwissenschaftlich ambitionierten Reihe "Quarks & Co" ein und brachte das Gerät auch wieder ins Museum zurück.

Unter der Überschrift "Das Jahr ohne Sommer. Wie ein Vulkanausbruch das Weltklima beeinflusste" erläuterte Moderator Ranga Yogeshwar den Zusammenhang zwischen dem Vulkanausbruch 1815 in fernen Indonesien, einer dadurch verursachten weitweiten Klimakatastrophe und der Präsentation einer Laufmaschine durch den badischen Forstmeister Karl von Drais im Jahre 1817. 

Karl Drais (1785-1851)

Vom Mannheimer Schloss bis zur Relais-Station im heutigen Rheinau, Bibliothèque nationale de France, département Cartes et plans, GE D-16187

Karl von Drais legte mit seiner Laufmaschine am 12. Juni 1817 die Strecke von „Mannheim bis an das Schwetzinger Relaishaus und wieder zurück, also 4 Poststunden Wegs in einer Stunde Zeit“ (ca. 15 km/h) zurück. Sechs Wochen später, am 28. Juli 1817, bewältigte Drais „den steilen, zwey Stunden betragenden Gebirgsweg von Gernsbach hieher (nach Baden-Baden) in ungefähr einer Stunde“ (ca. 6 km/h).

Die Verbindung zwischen den Residenzen Mannheim und Schwetzingen war ab 1740 als Chaussee ausgebaut worden. Sie wurde verbreitert und mit einer Kies- und Schotterschicht versehen. Für die kurpfälzischen Briefpostreiter, die abends um 7 Uhr von Mannheim abgingen und morgens um 7 Uhr aus Richtung Basel und Straßburg dort ankamen, und den Pfälzische Fahrpost hatte damit eine neue Zeit begonnen. Das im heutigen Rheinau gelegene Relaishaus, an dem man die müden Postkutschenpferde gegen frische tauschen konnte, wurde 1750 errichtet.  

⇒ detaillierte Beschreibung der Mannheimer "Drais-Route"

 

Anton Burg (1767-1849)

1753
Stadtwappen

Kartenausschnitt von 1753: ... als Sobernheim - jedenfalls auf der Karte des Geographen Robert de Vaugondy - noch kurmainzisch war!

 

Bis heute verweist im Wappen der Stadt Bad Sobernheim das Mainzer Rad auf die ehemalige Zugehörigkeit zu Kurmainz, der Pfälzer Löwe auf die zur Kurpfalz. Das Wellenband symbolisiert die Nahe. Die Mauerkrone erinnert an die Stadtrechte.


Promotion der Draisine in Wien

In Rheinhessen sagt man's so: 'n fingerlang gehannelt is besser als wie 'n armlang geschafft!

Die Entwicklungsgeschichte des Fahrrades und des Radfahrens macht immer mal wieder deutlich, dass entscheidende Impulse von Menschen kommen, die vorzügliche Handwerker sind, die aber auch über kaufmännische Fähigkeiten verfügen.

Der aus Sobernheim an der Nahe stammende Anton Burg war eine solche Unternehmer-Persönlichkeit. Für war "Handwerk" zugleich auch "Kunst".  Die Weiterentwicklung und Verbreitung der Draisine hat von dem "Maschinen- und Ackerbau-Werkzeugmacher" Anton Burg, der ab 1822 als "Anton Burg & Sohn" firmierte, im aufstrebenden Wiener Stadtteil Wieden wertvolle Anstöße erfahren. Seine "Laufübungen auf der Draisine" lockten so viele mutige Fahrer und ein schaulustiges Publikum an, dass er 20 Kreuzer Eintrittsgeld erheben und den Erlös für wohltätige Zwecke spenden konnte.

 

mehr ... "Anton Burg" bei Wikipedia (nd)


Der nächste Schritt: Das Vélocipède

Der Weg von der Laufmaschine des badischen Freiherrn von Drais zum alltagstauglichen Fahrrad für jede Frau und Jedermann ist ein wichtiger Abschnitt der Technikgeschichte im 19. und frühen 20. Jahrhundert.  Normalerweise gilt: "Natura non saltat!" (Die Natur macht keine Sprünge); nicht so die von kreativen Menschen vorangetriebene Entwicklungsgeschichte des Fahrrades:

  • 1817 Laufmaschine "Loda" (aus "locomotion" und "dada") des Karl Drais
  • 1818 Laufmaschine und Laufübungen von Anton Burg
  • 1865 Tretkurbelrad "Vélocipède" von Pierre und Ernest Michaux
  • 1870 Hochrad "Ariel" des James Starley  
  • 1884 Niederrad "Rover II" des John Kemp Starley

Vor allem dem "Sprung" von 1817 bis 1865 ging ein langer Anlauf voraus.

Ein Kinderrad für den Kaisersohn

Der Sprössling von Napoleon III. auf einer Michauline

Auch Pierre und Ernest Michaux aus dem lothringischen Bar le Duc kommen aus dem Handwerk. Ihre professionelle Herkunft als Wagner bzw. Stellmacher, die Fahrzeuge für die Personen- und Güterbeförderung bauten, ist ihrem Vélocipède anzusehen. Die Entwicklungslinie vom Fahrrad zum Auto spiegelt sich wider in der Ablösung des "Wagner" durch den Karosserie- und Fahrzeugbauer.

Die karikierende Darstellung der kaiserlichen Familie aus den frühen 70er Jahren des 19. Jahrhundert zeigt unter dem Titel "La Ménagerie imperiale" Kaiser Napoleon III. als Geier (le vautour), Kaiserin Eugénie als Kranich (la grue) und deren Sohn als Zeisig (le serin) und gefiederten Vélocipèdisten. Sie liefert damit einen Beleg für den Erfolg der Michaulinen durch die Präsentation auf der Pariser Weltausstellung 1867 und der Errichtung einer Werkstatt für Vélocipèdes durch Pierre und Ernest Michaux, nachdem "tout Paris" unbedingt aufs Rad wollte.