Vom Rhein nach Paris

Rudolf Eickemeyer * 11. März 1753 in Mainz + 9. September 1825 in Gau-Algesheim

Kurfürstlich-mainzischer Professor an der Universität Mainz und ab 1779 Offizier in Diensten des Kurfürsten Friedrich Karl Joseph von Erthal. Nach der Kapitulation von Mainz vor den französischen Revolutionstruppen 1792 trat er in die Armee der Französischen Republik ein, die er im Rang eines Generaloberst verließ. Nach seinem Rückzug aus der französischen Armee war er Maire, später Bürgermeister von Gau-Algesheim. Im Laufe seiner Karriere als Politiker war er zudem Provinzialrat der Provinz Rheinhessen und später Abgeordneter der Hessischen Abgeordnetenkammer im Großherzogtum Hessen.


  • In 100 Stunden nach Paris und zurück ...

In 100 Stunden nach Paris und zurück ...

"... ja aber", werden Sie sagen, "das schaffen DB und SNCF mit ICE und TGV in zehn Stunden, wenn alle Fahrdienstleiter gesund und im Dienst sind, wenn keine Bäume auf den Gleisen liegen und niemand streikt." 

"Sie wollen die Strecke mit einer Laufmaschine bewältigen, wie sie Karl Drais aus dem Badischen 1817 gebaut hat. Da muss ich gestehen: Würden wir mit Zügen fahren wie 1827 zwischen Saint-Étienne und Andrézieux oder 1835 zwischen Nürnberg und Fürth, kämen wir auch nicht viel eher ans Ziel."

"Da können wir beide froh sein, dass Drais von vornherein und die Eisenbahnen nach und nach sich von der Unterstützung durch Pferde unabhängig gemacht haben."

1775: Eickemeyers Studienjahre

Ich wählte Paris als den bedeutendsten Ort zur Erweiterung meiner Kenntnisse und ging mit Ende Jänners 1775 dahin ab. Mein Vater gab mir viele gute Lehren und meine Mutter den Trost mit auf den Weg, daß sie fleißig für mich beten wolle.

Es war das erstemal, daß ich mich auf lange und so weit von meiner Vaterstadt entfernte. Noch steht alles lebhaft vor mir, was sich auf dieser Reise zutrug. Sie geschah bis Metz in ziemlich guter Gesellschaft, auf dem gewöhnlichen Postwagen, das heißt in einem äußerst schlechten Fuhrwerk und, so lange wir uns auf deutschem Boden befanden, auf eben so schlechten Wegen. St. Avold war der erste französische Ort, wo wir Halt und Mittag machten. Die geschwätzige Wirthin erklärte, daß sie uns Coteletten aux fines herbes und ein Poulet auftischen werde, den sie am verflossenen Tage auf dem Marché gekauft habe. Ich fragte, ob man hier am Orte deutsch oder französisch spräche. Deutsch, erwiederte sie, aber etwas weiter nach dem Innern Frankreichs würde ein abominable jargon gesprochen. - In Metz hielt ich mich zwei Tage auf, um das Merkwürdigste zu sehen. Ich ging in die Komödie und fand das Theater sowohl oben als hinten und an den Seitenwänden, die nur zwei und zwar sehr schmale Ausgänge hatten, mit gesteppten Decken von grobem Segeltuch zur Abhaltung der eindringenden kalten Luft behangen. Diese Vorkehrung blieb während der kalten Jahreszeit. Die Franzosen nannten dies „im Sack spielen" und sahen es aus Gefälligkeit gegen ihre Schauspielerinnen nach.

Meine weitere Reise nach Paris setzte ich auf dem gewöhnlichen öffentlichen Wagen fort. Er war eben so unbequem wie der deutsche Postwagen und ging überdies äußerst langsam, da er vieles Gepäck führte und auf dem ganzen Wege dieselben Pferde behielt. Unter den Reisegefährten befand sich ein von Petersburg kommender Goldarbeiter und der Hoftapezirer des Herzogs von Zweibrücken; beide Pariser. Jener hatte sich im rauhen Norden die Schwindsucht zugezogen und kehrte in seine Vaterstadt zurück, um sich durch die mildere Luft zu heilen, oder vielmehr daselbst zu sterben; denn er war äußerst elend. Letzterer, ein schon bejahrter Mann, versicherte uns mit vieler Selbstgenügsamkeit, daß er seit den vierundzwanzig Jahren, während welcher er in Zweibrücken wohne, noch keine zehn Worte deutsch erlernt habe, auch nur unter dem ausdrücklichen Vorbehalt in die Dienste des Herzogs getreten sei, daß er alle sechs Jahre mehrere Monate in Paris zubringen dürfe, um die gute Lebensart nicht zu vergessen. Dieser Ort, sagte er mir, ist eine andere Welt, wo Sie ohne die Leitung eines erfahrnen Freundes nothwendig auf Irrwege gerathen müssen; und seine Gefälligkeit ging soweit, daß er sich erbot, selbst mein Mentor zu sein. Indeß war uns der Mann auf der ganzen Reise von wesentlichem Nutzen. Ueberall, wo wir Mittag machten oder übernachteten, sorgte er nicht nur für ausgesuchte Kost und gute Schlafstätten, sondern er wußte dies auch um die billigsten Preise zu erhandeln. Fügten sich die Wirthe nicht nach seinem Gebote: so machte er Miene, sich mit der ganzen Gesellschaft in ein anderes Gasthaus zu begeben. Um sich diesem Schimpfe nicht auszusetzen, that man das Aeußerste.

In einer kleinen Stadt, deren Namen mir entfallen ist, vermehrte sich die Reisegesellschaft mit zwei Verbrechern. Es war Mann und Frau, mit einer Kette an einander geschlossen, — beide, nach der Aussage des sie begleitenden Reiters von der Maréchaussée, zum Galgen qualificirt. Man wies ihnen zwar ihren Platz vorn auf dem Wagen an; indeß konnte der Gedanke an diese Unglücklichen, der immer durch das Geklirre der Ketten erneuert wurde, nur betrübende Empfindungen und niederschlagende Betrachtungen über Frankreichs sittliche Zustände und öffentliche Anstalten erregen. Nach einer langweiligen und beschwerlichen Reise kamen wir endlich in Paris an, herzlich froh, unsern kranken, wirklich dem Tode nahen Gefährten in seiner Familie zu wissen, und der traurigen Gegenwart der beiden Missethäter enthoben zu sein.

(Denkwürdigkeiten, S. 34f.)

1799: Rudolf Eickemeyer bei Napoleon in Paris

Am Tage, wo diese merkwürdige Begebenheit statt hatte, — am 9. Nov. 1799 — war ich von Mainz nach Paris abgegangen; ich erfuhr sie auf dem Wege dahin. Da indeß bei der veränderten politischen Lage mein Auftrag sein Interesse für die neuen Departemente behielt, so glaubte ich meine Reise fortsetzen zu müssen. Die ebenfalls auf dem Wege nach Paris befindlichen Abgeordneten des Saar- und Roer-Departements waren auf die erhaltene Nachricht zurückgekehrt; der Abgeordnete des Rhein- und Mosel-Departements in der Person des bekannten Professors Görres traf mit mir zu gleicher Zeit in Paris ein. (…)

Der Zweck unserer Sendung war kein Geheimniß und jene Beamten der rheinischen Departemente, welche sich schuldig wußten, säumten daher nicht, sich an ihre Gönner und Freunde zu wenden, um den gegen sie gerichteten Beschuldigungen entgegen zu wirken. Einige begaben sich selbst nach Paris, und waren noch vor uns eingetroffen. Das sicherste Mittel schien ihnen, die Rheinländer, welche sich für die Sache Frankreichs erklärt hatten, als Jakobiner verdächtig zu machen, und hierin kam ihnen die eben eingetretene politische Veränderung, die besonders der streng republikanischen Partei entgegen arbeitete, sehr zu statten. (...)

Als ich einige Tage nach meiner Ankunft auf die Polizei kam, um meinen daselbst zur Visirung abgegebenen Paß zurück zu nehmen, wurde ich eingeladen, in ein anstoßendes Zimmer zu treten. Es war klein, finster, schmutzig und so ziemlich einem Armensünderstübchen ähnlich. Ein Commissar erschien mit einem Schreiben und vernahm mich, wie man Verdächtige oder Angeschuldigte verhört, zu Protokoll, Unter andern stellte er mir die Frage, ob ich mit keinen Leuten im Einverständniß stehe, welche die neue Regierung stürzen wollten, und ob ich nicht in dieser Absicht nach Paris gekommen sei? Da ich zufällig die, mir von Mainz mitgegebene Instruktion bei mir hatte, unterzeichnet von allen Gliedern der Tribunale, der Universität, des Stadtmagistrats und von den angesehensten Bewohnern von Mainz, und da dieses Aktenstück, so wie meine Abreise nach Paris selbst, älter als die neue Regierung war, so mußte der Verdacht hinwegfallen.

Da sowohl Görres als ich in unsern Vollmachten an das Direktorium und die beiden gesetzgebenden Räthe gewiesen waren, die nun nicht mehr bestanden, so mußten wir unser Geschäft so lange auf sich beruhen lassen, bis wir andere Anweisungen erhalten hatten. Aber auch mit diesen konnten wir nur höchst langsam vorwärts kommen. (...)

Die Constitution, welche Bonaparte als ersten Consul an das Staatsruder stellte, war endlich fertig, und die Regierung durch Ernennung eines zahlreichen Personals zum Staatsrate, Senat, Tribunal u. s. w. organisirt. Görres war bereits nach Koblenz zurück gereist, und es kam für mich nur noch darauf an, dem neuen Oberhaupte der Republik die Angelegenheit meiner Mitbürger vorzutragen, um meine Sendung als erledigt anzusehen. Der damalige Justizminister Abrial gab Bonaparte meinen Wunsch zu erkennen, und da zufällig Lefebvre gegenwärtig war so bemerkte dieser, daß meine Sendung das Werk jener Klasse der Rheinländer sey, welche sich bisher vorzüglich durch Unzufriedenheit mit einer gesetzlichen Regierung, und durch revolutionäre Grundsätze ausgezeichnet habe. Der Minister versicherte das Gegentheil; allein Lefebvre versetzte, daß er aus Erfahrung spreche, indem er selbst einige Zeit in dem Lande commandirt habe. Der Consul erklärte hierauf, daß er mich am nächsten Audienztage zwar als General, aber nicht als Abgeordneten des Donnersberger Departements annehmen werde, daß dieses lndeß nicht hindere, über die Angelegenheiten des Landes zu sprechen. Hievon durch den Minister benachrichtigt, fand ich mich am nächsten Audienztage in den Tuilerien ein. Im Saale waren wohl über hundert Militär- und Zivilpersonen von höherm Range versammelt, alle gekommen, um Gehör zu erhalten, oder auch nur, um dem ersten Consul ihre Ehrerbietung zu bezeigen. Hier herrschte bereits wieder Hofsitte, und alles sah schon in diesen ersten Tagen darnach aus, als ob es, nachdem man einen großen Zirkel oder vielmehr eine unförmliche krumme Linie durchlaufen hatte, allgemach wieder auf den Punkt zurückkehren wolle, von dem man ausgegangen war.

Bonaparte erschien, umgeben von seinen Adjutanten, sprach ernst oder vertraulich mit den Militär-Personen, mit lächelnder Miene, und als Hofmann mit denen vom Civilstande. Als ich ihm eine kurze Schilderung von der Lage des Departements und dem Wunsche der Bewohner machte, und eine in dieser Hinsicht abgefaßte Denkschrift übergab, war er ernst und kalt. Lefebvre's Verleumdungen schienen Eingang bei ihm gefunden zu haben. Er entließ mich jedoch mit der Versicherung, daß die Rheinländer über ihr künftiges Schicksal ruhig sein könnten, und die Regierung nie ihr Bestes aus den Augen verlieren, auch einen des allgemeinen Vertrauenswürdigen Mann in die neuen Departemente schicken werde.

Dieser erschien denn bald hierauf in der Person des nachherigen Staatsraths Shee, damals pensionirten Obersten eines irländischen Regiments. Den Ruf der Rechtlichkeit und des guten Willens mochte dieser Mann wohl verdienen; doch war er ein Spielball in den Händen seiner Umgebung. — Ihm folgte Jollivet als Regierungs-Commissär, ein kalter Finanzmann, und es verflossen noch einige Jahre, bis die Bewohner der vier Departemente in gleiche Rechte mit jenen des altern Frankreichs gesetzt wurden.

(Denkwürdigkeiten, S. 141-144, passim)