Wo Radsport ...





... Tradition hat!



Prof. Dr. Heinz-Egon Rösch: Die Idee eines Rheinhessischen Fahrradmuseums im Schloss Ardeck Gau-Algesheim (Vortrag am 22. März 1998 in der Radsporthalle)

Da sucht man einmal nach dem Ort, wo ein solches regionales Sportmuseum eingerichtet werden könnte. Wie der Name sagt, ist an Rheinhessen gedacht, also jenes Gebiet, das die beiden Kreise Mainz-Bingen, Alzey-Worms, die Landeshauptstadt Mainz und die Nibelungenstadt Worms umfasst. In diesem Gebiet gibt es heute 38 Radsportvereine bzw. Radabteilungen in Turn- und Sportvereinen. Der älteste ist der 1889 gegründete Mainzer Radsportverein, gefolgt vom RV "Wanderlust" 1894 Mainz-Weisenau. Der RSV 1898 e.V. Gau-Algesheim ist der älteste Verein im alten Kreis Bingen. Die meisten Vereine wurden zu Beginn dieses Jahrhunderts und einige wenige nach dem 2. Weltkrieg gegründet. Neben den im Bund Deutscher Radfahrer (BDR) zusammengeschlossenen Vereinen gab bzw. gibt es die "Solidarität" des Arbeiterradfahrerbundes, der sich ebenfalls seiner früheren Tradition bewusst ist. Wenn es also in Rheinhessen so viele radsportlich aktive Vereine gibt wie nur in wenigen anderen Gegenden Deutschlands, so liegt es nahe, dass die Fahrrad- und Volkskultur ihren genuinen Ort sucht und findet, wo sie sich auch museal darstellen kann. Hinzu kommen noch die vielen, nicht vereinsorganisierten Alltags- und Freizeitradler, die sich in Rheinhessen auf das Fahrrad schwingen.

Dieser Ort wurde nun nach längerem Suchen gefunden. Es ist das Schloss Ardeck in Gau-Algesheim, zuletzt Sitz der Verbandsgemeindeverwaltung. Vier Räume im Erdgeschoss und der Anbau eignen sich ideal für ein Rheinhessisches Fahrradmuseum. Die Renovierung des ehemaligen Kurmainzer Amtssitzes nähert sich dem Abschluss. Neben den räumlichen Voraussetzungen und weiteren Rahmenbedingungen sind vor allem inhaltliche Überlegungen zum Konzept des Museums erforderlich. Der Entwurf sieht folgendermaßen aus:

In Rheinhessen wird vor allem der Saal-Radsport gepflegt, also Radball, Radpolo, Kunstradfahren, Reigen-Gruppenfahren, aber auch Straßenrennen, Radtouristik und Volksradfahren. Dazu gesellt sich der Alltagsgebrauch des Fahrrades als Verkehrsmittel (zum Einkaufen, zur Schule, zum Betrieb), in Freizeit und Urlaub, zum Radwandern, zur alternativen Fahrrad-Reise usw. Ebenso ist die historische Fahrradforschung interessiert an der Entwicklung der Fahrrad-Kultur (Radfahrer-Jubiläen und -Feste, Umzüge) im Fahrradsport am Beispiel von Rheinhessen.

Das Museum wird in vier Abteilungen gegliedert sein. Dazu genügen vier Räume. Ein solches Museum kann nicht "aus dem Boden gestampft" werden, vielmehr benötigt es eine Entwicklung im Laufe der Jahre durch neu hinzukommende "Objekte" wie Räder, Fahrradzubehör, Plakate, Fahrradkunst usw.. Dies ist auch museumspädagogisch sinnvoll, um das Interesse der Kinder, der Jugendlichen und der Bevölkerung an "ihrem Museum" wachzuhalten.

Die 1. Abteilung dient, wie bei fast allen Museen, der Information über das Museum. Dazu gehören zunächst als Blickfang einige Fahrräder, Schautafeln, Vitrinen, Bücher, Fahrradkarten und eine Videoanlage. In der 2. Abteilung wird das Fahrrad im Alltagsgebrauch und bei Radfahrerfesten vorgestellt. Dazu gehören alte und neue Herren-, Frauen- und Kinderfahrräder. Bilder aus alter und neuerer Zeit mit Fahrradmotiven (z.B. von Festumzügen) aus Gau-Algesheim und Rheinhessen werden dazu ebenfalls gebraucht. Fahrrad-Zubehör wie Klingeln, Lampen, Dynamos, Rückstrahler, Pedale, Luftpumpen, Anhänger, Fahrrad-Kleidung, Umhänge, Helme usw. runden das volkskundliche Bild ab. Die 3. Abteilung beschäftigt sich mit Sporträdern und Saalmaschinen. Dazu gehören alte und neue Rennräder, Kunstfahrräder, Radballräder, Einräder und Utensilien wie Sporttrikots, Rennhelme, Bälle, Poloschläger, Schuhe, sowie Bilder von RadsportlerInnen, von Wettkämpfen, Radfahrer-Pyramiden, Urkunden, Siegerschleifen, Trainingstagebücher und Pokale. Die 4. Abteilung ist dem Thema Das Fahrrad in der Kunst gewidmet. Dazu gehören Kunstobjekte in Reproduktion der Motive von Marcel Duchamps "Rad auf dem Hocker", Pablo Picassos "Stierkopf' bestehend aus einem Rennradsattel und einem Rennlenker, Achille und Per Giacomo Castiglionis Sattel von Rennrad ("Sella") auf einer Halbkugel montiert, sowie Gemälde und Plakate von Lyonel Feininger, Henri Toulouse-Lautrec, Alfons Mucha, Fernand Leger usw. Eine Ansichtskartensammlung und Karikaturen mit alten Fahrradmotiven sind - wie die meisten der bereits angesprochenen künstlerischen Objekte - bereits vorhanden.

Ein kleiner Archivraum mit Bibliothek gehört zur weiteren Ausstattung. Für die Beschaffung von Vitrinen wird man Sponsoren finden.

Auch an die Museumspädagogik ist gedacht. Die Schulen sind ja in unmittelbarer Nähe. So finden Führungen für Kindergartengruppen, Schulklassen, Volkshochschul-Gruppen statt, und auf einem Fahrradparcours auf dem Vorplatz des Gebäudes lässt sich spielerisch mit Rädern umgehen. Malwettbewerbe zu Themen wie "Eine Fahrrad-Tour", "Fahrrad und Umwelt", und ein Fahrradquiz, Verkehrs- und Fairness-Erziehung finden hier einen geeigneten Ort.

Das Museum wird auf ehrenamtlicher Basis arbeiten, unterstützt durch den im letzten Jahr gegründeten Förderverein. Die wissenschaftliche und museumspädagogische Beratung und Betreuung wird gewährleistet sein in der Zusammenarbeit mit benachbarten Museen und mit Instituten der Universität Mainz. 

(Auszüge aus dem Festvortrag anlässlich der Akademischen Feier beim 100jährigen Jubiläum des Radsportvereins 1898 Gau-Algesheim am 22. März 1998)